60 Jahre Goldschmied

Goldschmied - was sonst?
Am 23. Februar 1930 wurde ich in Arnstadt in Thüringen geboren, meine Eltern hatten zwei Jahre vorher, mitten in der Weltwirtschaftskrise in dieser Kleinstadt ein Goldschmiedegeschäft eröffnet, und noch ehe ich sprechen und laufen konnte war mein Lebensweg festgelegt: Der "Stammhalter" soll ein tüchtiger Goldschmied werden! Geschäft und Werkstatt florierten, aber 1941 kam das jähe Ende: Mein Vater (39 Jahre alt!) wurde Soldat (Brest - Stalingrad - Kalabrien - Rimini). 1946 kam er aus der Kriegsgefangenschaft zurück, Geschäft und Werkstatt wurden wieder geöffnet. "Schluß mit der Schule!" Welches Glücksgefühl!" Meine Mitschüler mußten noch bis zum Abitur aushalten - ich konnte "leichten Herzens" die Oberschule mit dem Abschluß der 10. Klasse verlassen, und im September 1946 begann bei meinem Vater, einem ungewöhnlich begabten und äußerst vielseitigen Goldschmied, eine sehr solide Goldschmiedeausbildung, die ich 1949 mit der Gesellenprüfung abschloß. Anschließend ein Semester an der Kunstgewerbeschule Erfurt (Ziselieren) und zwei Semester in Leipzig (Emaillieren). Mit 23 Jahren (1953) machte ich bereits die Meisterprüfung.

So wurde ich Berufsschullehrer für Goldschmiede
Genau in meiner Heimatstadt Arnstadt wurde 1955 die Zentrale Berufsschule für Goldschmiede eröffnet. Weil auch in größeren Städten keine Fachklassen für die wenigen Goldschmiede eingerichtet werden konnten, wurde für alle Lehrlinge der DDR der fachtheoretische Unterricht in Arnstadt konzentriert: In einem dreiwöchigen Internatskurs wurde jeweils das Halbjahrespensum der fachtheoretischen Berufsschulausbildung vermittelt. Einige erfahrene Goldschmiede der Umgebung übernahmen den Unterricht, man brauchte aber mindestens einen hauptamtlichen Berufsschullehrer - und der wurde ich! Ich wurde also 1955 Berufsschullehrer. Bis Ende Juli arbeitete ich als junger Meister in der elterlichen Werkstatt für 50 (Ost)mark/Woche. Am 1. September stand ich, 25 Jahre alt, in einem Klassenraum vor 30 Lehrlingen - einige Umschüler waren deutlich älter - und meine erste Unterrichtsstunde begann. Von Pädagogik hatte ich keine Ahnung. Lehrinhalte erarbeitete ich von Tag zu Tag; Lehrpläne, Stoffverteilungspläne entstanden bei laufendem Schulbetrieb. Heute sind die damaligen Schüler Großeltern, die ihren Betrieb an die Kinder übergeben haben.

Fachschuldozent, Abteilungsleiter, Professor
Im Laufe der Jahre (1955-1960) wurde der Unterricht an der Berufsschule zur Routine, und ich mußte befürchten, daß das Niveau der Gesellenprüfung auch die Obergrenze meine eigenen beruflichen Entwicklung bestimmen könnte. Genau zum richtigen Zeitpunkt bekam ich 1960 die Berufung an die Fachschule für Angewandte Kunst Heiligendamm ( 30 km westlich von Rostock). Ich unterrichtete alles, was mit der Fachtheorie zusammenhing, Beruf und Hobby kamen auf glückliche Weise zusammen. In den Seminargruppen von 5 - 8 interessierten Studentinnen - selten war einmal ein Knabe dazwischen - war das richtig angenehm. Dabei ständig selbst zu lernen, Bücher und Zeitschriften auszuwerten, die Erkenntnisse in der Werkstatt auszuwerten, zu kontrollieren, auszuprobieren und möglichst bald an die Studentinnen weiterzugeben - dazu fühlte ich mich berufen, das war mein Beruf. So leitete ich die Goldschmiede-Abteilung der Fachschule Heiligendamm von 1963 bis 1991. Nachdem wir der Fachhochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Wismar als Außenstelle angeschlossen worden waren, wurde ich 1993 zum Professor ernannt. Seit 1995 bin ich im Ruhestand, bin frei in meinen Entscheidungen und kann mich ganz auf meine Arbeit als Fachbuchautor konzentrieren. Ich brauche nicht mehr den Direktor um Urlaub fragen, kann reisen wann und wohin ich will. Zahlreiche Werkstattkurse "Mittelalterliche Goldschmiedetechniken" an der Universität für Angewandte Kunst Wien, im Fortbildungszentrum Ahlen und bei Felix Stüssi in Braunwald (Schweiz), Fachvorträge, gelegentlich Jury-Mitglied, Studienreisen. Die Frage "Lebt denn der Brepohl noch?" ist also positiv zu beantworten. "Ja, er ist gerade 77 Jahre alt geworden, gesund und munter, voller Pläne - und er hat noch einiges vor!